Leserbrief

«Blaues Wunder»

Víctor Arévalo Menchaca, Univ. Prof. Dr. iur., Auring 56, Vaduz | 6. Juni 2019

Am 7. Mai paralysierte ein Hackerangriff die Computernetzwerke von Baltimore, der Stadt, wo die NSA (National Security Agency), die USA-Cyberkriegszentrale, steht. Der Hacker verlangte 13 Bitcoins, 100 000 US-Dollar, um die Netzwerke wiederherzustellen. Näheres erfuhr niemand. «The New York Times» berichtete am 25. Mai aber, alle Computer Baltimores blieben weiterhin totenstill. Bis heute hat sich nichts verändert. Die Schadsoftware heisst EternalBlue und schleicht sich durch eine Hintertür in Microsoft Windows, weltweit Hirn und Herz 80 Prozent aller Computer, ein. Legionen von Hauptämtern, Privatunternehmen und Städten erleiden solche Angriffe seit 2016. Prominenteste Opfer 2016 das USA-Wahlsystem und Frühjahr 2018 Atlanta, die digitalisierteste Stadt der Welt. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Wie ist es dazu gekommen?
Ende der 1990er-Jahre machte die enge Kooperation zwischen Microsoft und der NSA Schlagzeilen. Auf Geheiss der NSA baute Microsoft eine Hintertür in Windows ein. Dadurch erhielt die NSA Zugriff auf alle Computer, die Windows benutzten. 2013 enthüllte Edward Snowden, dass solcher Zugriff alle Outlook-E-Mails und Dateien auf Sky-Drive (Microsoft-Cloud) einschlies-se. Ebenso könne die NSA jetzt durch ihre Software Prism alle Skype-Gespräche mithören, abspeichern und kontrollieren.

Die NSA bewachte jedoch ihre Rechner schlecht. Eine Panne geschah. Spätestens Ende 2015 gerieten die NSA-Cyberwaffen in die Hände anderer Staaten, die davon weidlich profitierten. Dadurch konnten sie sogar die USA-Präsidentschaftswahl November 2016 beeinflussen. Spät kam die Antwort Barack Obamas darauf. Aus purer Wut wies er 35 russische Diplomaten vor Weihnachten aus. Die Staaten, die in die NSA eingebrochen waren, antworteten mit dem Schachzug, alle Spuren ihrer Angriffe zukünftig zu verdecken, indem sie in Hackerforen elementare Versionen der Cyberwaffen durchsickern liessen, um die Windows-Hintertüre auszuschlachten. Das entfesselte die Epidemie von Angriffen, die von Frühjahr 2017 bis heute die Welt plagen. Gleichzeitig verbreitete sich die Nachricht, dass auch alle Prozessoren von Intel eine Hintertür, Minix, verstecken. Solches betrifft 76,8 Prozent aller Computer weltweit. Diese Vorkommnisse nimmt man in Liechtenstein öffentlich noch kaum zur Kenntnis.

Víctor Arévalo Menchaca, Univ. Prof. Dr. iur., Auring 56, Vaduz

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