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Regierungschefin Valeria Mündle beobachtet aus dem Polizeiauto die bizarre Szenerie vor Schloss Vaduz im Januar 2119. (Karikatur: Tanja Frick)
Kultur
Liechtenstein|25.01.2019

Ein Haus dir zu eigen

SCHAAN - Der Liechtensteiner Autor Stefan Sprenger hat sich Gedanken dazu gemacht, wie es im Land im Jahr 2119 zugehen könnte. Wobei in seiner Geschichte auf der Kippe steht, ob man zum 400. Jubiläum noch vom Fürstentum sprechen darf.

Regierungschefin Valeria Mündle beobachtet aus dem Polizeiauto die bizarre Szenerie vor Schloss Vaduz im Januar 2119. (Karikatur: Tanja Frick)

SCHAAN - Der Liechtensteiner Autor Stefan Sprenger hat sich Gedanken dazu gemacht, wie es im Land im Jahr 2119 zugehen könnte. Wobei in seiner Geschichte auf der Kippe steht, ob man zum 400. Jubiläum noch vom Fürstentum sprechen darf.

1.

«Licht.»

Während sie sich aus dem Mantel schälte, öffnete die Haussteuerung mit leisem Surren die Garderobe und fuhr eine Hakenleiste aus. Sie hängte den Mantel ein, schlang den Datenfoulard um den Kragen und tastete vorsichtig in der rechten Manteltasche nach dem Stein. Er hatte sie gewarnt, dass man sich an dem rostbraunen Vulkanglas leicht verletzen könne, und sein Einstecktuch mit einer flüssigen, beiläufigen Bewegung aus der Brusttasche gezogen, den Stein darin eingeschlagen, über den Tisch gereicht. Sie hatte ungläubig auf das eingestickte Monogramm und das zur Hälfte sichtbare Wappen gestarrt, er hatte gelächelt, mit einer Sanftheit und einer Ferne, als sei er bereits dort draussen, unter den Sternen, Frau Mündle?

Sie hatte sich zusammengerissen und den Stein angenommen, während das eben Vernommene in ihr weitergepoltert hatte, immer noch weiterpolterte, wie sie jetzt geradezu betäubt im Flur ihrer Wohnung stand, die linke Hand um das Stück Marsbruchstein und das Poschettli des Fürsten von Liechtenstein geschlossen.

«Licht!»

Langsam, wie eine Morgendämmerung im Zeitraffer, wurde es in der Wohnung zuerst hell, kühl, blaustichig, dann färbte sich das Licht warm, spielte wie Sonnenschein durch Laub über die Sitz- und Liegelandschaft im Panoramazimmer.
Mit der rechten Schuhspitze streifte sie den linken Halbstiefel von der Ferse, mit den bestrumpften Zehen den zweiten, legte sich auf das Velourssofa und starrte an die Decke, wo die Haussteuerung mittlerweile Zirren in einem tiefen Septemberblau segeln liess, ein einzelner, gleis­sender Punkt Kondensstreifen zog.

Sie würde morgen als erstes die anderen Regierungsrätinnen, den Landtagspräsidenten und die Fraktionssprecherinnen informieren müssen, dass man das bereits aufwendig vorbereitete Jubeljahr 400 Jahre Fürstentum Liechtenstein absagen oder zumindest ganz anders angehen müsse. Ohne dass es der Mündle bewusst war, hatte sich ihre Faust um den Stein gekrampft, die messerscharfe Kante schnitt in die Handfläche, Blut tränkte das zerknüllte Staatswappen. Benommen führte sie die blutende Hand an ihre Lippen, hatte den Geschmack von Erde und Eisen im Mund.

Der Schock, als Fürst Meinrad I. Regierungschefin Valeria Mündle kundtat, er gedenke abzudanken und mit seiner Sippschaft auf den Mars zu fliegen.

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(df)

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